Wie gelingt gemeinsame Verantwortung bei Abhängigkeitserkrankungen?
– Sucht- und Eingliederungshilfe zwischen Rausch und Realität –
Rund 200 Gäste aus Suchthilfe, Psychiatrie, Sozialarbeit und Politik kamen Mitte September zum Wahrendorff-Symposium „They tried to make me go to rehab – Rausch und Realität: Wege der gemeinsamen Verantwortung in der Eingliederungshilfe“. Im Zentrum stand die Frage, wie Zusammenarbeit bei komplexen Abhängigkeitserkrankungen gelingt und wie Helfende Betroffene unterstützen können, ohne sie auf ihre Erkrankung zu reduzieren.
Wahrendorff Wohnen hat sich mit zwei Fachkonzepten auf Abhängigkeitserkrankungen und Alkoholfolgeerkrankungen spezialisiert und bietet dafür unterschiedliche Wohnformen an. Der Bedarf dahinter ist groß: Von 1.000 Menschen, die Wahrendorff begleitet, haben rund 600 in unterschiedlicher Ausprägung und Art eine Suchtvergangenheit oder -gegenwart.
Neue Herausforderungen: Cannabis-Legalisierung und neue Drogen
Die Fachvorträge beleuchteten zielgerichtete Suchtarbeit, niedrigschwellige Hilfsangebote für Menschen, die von sich aus keine Hilfe suchen, Stigmatisierung, gesellschaftliche Verantwortung und neue Konsummuster. Dr. Jan Michaelsen, Leitender Arzt der Klinik für Abhängigkeitserkrankungen am Wahrendorff Klinikum, erklärte in seinem Vortrag „Illegal, legal, letal“, welche Herausforderungen die Cannabis-Legalisierung und neue synthetische Drogen für die Suchthilfe mitbringen: „Gemeinsame Verantwortung erfordert, flexibel auf veränderte Konsummuster und eine neue Klientel zu reagieren und dabei eine zieloffene Suchtarbeit zu leisten.“
Streetwork: Hilfe für die, die das System nicht mehr erreicht
Ein Herzstück der praktischen Arbeit zeigte der Vortrag der Wahrendorff-Streetworker Mathias Klemm und Hauke Kröger. Seit 2025 kümmern sich die beiden um Menschen, die klassische Hilfsangebote nicht mehr annehmen. Etwa, weil sie schlechte Erfahrungen mit dem Hilfesystem gemacht haben oder große Scheu vor Institutionen empfinden. „Wir gehen dorthin, wo die Menschen sind, auf die Straße, in Parks, in die Wohn-bereiche und setzen dort an, wo klassische Hilfsangebote schwer greifen oder gar nicht mehr greifen“, beschrieb Mathias Klemm den Ansatz.
Zentraler Anlaufpunkt ist das Dorffcafé in Ilten. Es ist ein niedrigschwelliger Treffpunkt ohne Zugangsvoraussetzungen. Nicht nur Klientinnen und Klienten, sondern auch Anwohnerinnen und Anwohner können dort vorbeikommen. Zum Angebot gehören unter anderem eine gemeinsame Kochgruppe und eine Schützen-gruppe in Kooperation mit dem Schützenverein Ilten. Sie bringt Klientinnen und Klienten in Kontakt mit der Dorfgemeinschaft. Zum Thema Stigma-Abbau sind die Streetworker zudem an Grundschulen und Berufsschulen unterwegs. Dort wollen sie Kindern und Jugendlichen in Gesprächen und auch mit einem eigens erstellten Büchlein einen unbefangenen Umgang mit psychischen Erkrankungen vermitteln.

Verantwortung ist keine Einbahnstraße
Zum Abschluss diskutierten Expertinnen und Experten aus Eingliederungshilfe, Klinik, Wissenschaft und Kommune auf dem Podium kontrovers. In einem aber waren sich alle einig: Verantwortung darf nicht einseitig abgewälzt werden. Sie sollte auch zur Lebenswirklichkeit suchterkrankter Menschen passen. Eine große Lücke entsteht, wenn Systeme Verantwortung einfordern, die die Person nicht tragen kann. „Verantwortung darf nie größer sein als die Steuerungsfähigkeit einer Person“, fasste Aissa Korte, Psychologe in der Eingliede-rungshilfe bei Wahrendorff Wohnen, treffend zusammen.
Auch Frank Woike, Beauftragter für Sucht und Suchtprävention der Landeshauptstadt Hannover, warb für einen wohlwollenden Blick auf Betroffene: „Diese Menschen haben alle Potenziale. Wir müssen sehen, dass wir diese Potenziale heben.” Zugleich machte er darauf aufmerksam, dass Entgiftung keine Reparaturwerkstatt sei, wo nach drei Wochen alles wieder gut ist. Komplexe Abhängigkeitserkrankungen erforderten auch komplexe Therapieabläufe im Anschluss. Neben der Entgiftung bedürfe es einer „Nachreifung“, einer Rück-fallprophylaxe und passender Wohnangebote. „Die größte Lücke erlebe ich in einem fehlenden akzeptieren-den Wohnangebot für Jugendliche und junge Erwachsene sowie in der Nachsorge nach der Entgiftung.“
Dr. Julia Krieger, Wissenschaftliche Leiterin des Symposiums, schloss die Diskussion mit den Worten: „Verantwortung bedeutet nicht, dass auf einmal alle zuständig sind. Doch wir sind gut damit beraten, uns präsent zu halten. Verantwortung hört nicht an unserer eigenen Tür auf, sondern muss übergreifend stattfinden.“
Ein Impuls für die Vernetzung in der Region
Allein könne man die Herausforderungen der Suchthilfe nicht lösen, so der Tenor der Veranstaltung. Mit dem Symposium hat Wahrendorff deshalb einen Ort für den fachlichen Austausch geschaffen und will damit die Vernetzung der beteiligten Akteurinnen und Akteure in der Region weiter voranbringen.
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Pressemitteilung
Interview mit Dr. Jan Michaelsen über neue Abhängigkeitserkrankungen von jungen Menschen




