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12. November 2019

Fachsymposium zur Traumatherapie am Klinikum Wahrendorff

Veröffentlicht am Dienstag, 23.06.2015
Zuletzt geändert am Donnerstag, 09.05.2019

Aktuelle Behandlungsmöglichkeiten und Entwicklungen bei Traumatisierungen

Foto: Klinikum Wahrendorff

Präsentierten neueste wissenschaftliche Ergebnisse auf dem XVII. Symposium: Oliver Glawion, Dipl. Psych. Nadine Stammel, Dr. med. Harald Schickedanz, Dipl. Psych. Kathlen Priebe, Dr. med. Claudia Wilhelm-Gößling und Dr. med. Michael Hettich (v.l.n.r.)

Sehnde/Köthenwald, 24. Juni 2015 

"Den Stier bei den Hörnern packen und ihm in die Augen sehen", diese Metapher beschreibt bildhaft die Herausforderung, der sich ein Patient im Rahmen einer Traumatherapie stellt. Egal, ob Gewalterfahrungen, Verkehrsunfall oder plötzlicher Verlust eines Angehörigen. Dr. med. Michael Hettich, Chefarzt der Psychosomatischen Klinik am Klinikum Wahrendorff, begrüßte auf dem XVII. Fachsymposium "Update Posttraumatische Belastungsstörungen" 300 Experten aus Medizin, Therapie und Pflege. Auf dem Tagungsprogramm standen aktuelle Behandlungsmöglichkeiten und Entwicklungen bei Traumatisierungen. Dr. Hettich nutzte das Symposium zeitgleich, um Oliver Glawion als neuen Leitenden Arzt des Traumazentrums am Klinikum Wahrendorff vorzustellen.

Sexueller Missbrauch und Gewalterfahrungen in Kindheit oder Jugend sind häufiger als vermutet und für die Betroffenen oft jahrelang ein Tabuthema. Die Opfer leiden meist noch als Erwachsene an den Folgen und können eine Posttraumatische Belastungsstörung mit weiteren Folgestörungen entwickeln. So können die Betroffenen häufig ihre starken Gefühle schlecht regulieren, verletzen sich beispielsweise selbst oder entwickeln Suizidgedanken, um unangenehme (teils durch Erinnerungen ausgelöste) Gefühle zu beenden.

Dr. med. Harald Schickedanz, Chefarzt des Plankrankenhauses Psychotherapeutisches Zentrum Kitzberg-Klinik Bad Mergentheim zeigte in seinem Vortrag über die "Die Bedeutung der Epigenetik bei der transgenerationalen Weitergabe von (Kindheits-) Traumen und deren Folgen" auf, dass unbewältigte Traumafolgestörungen eine der großen Krankmacher, nicht nur bezogen auf seelische, sondern auch auf chronische körperliche Folgeerkrankungen, sind. Dies sei eine der Gründe, warum die Nachfrage nach stationärer Psychotherapie in den letzten Jahren ständig angewachsen ist. Der Fähigkeit zur Stressregulation kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. "Es geht darum, ob die Stressbremse intakt ist", so Dr. med. Schickedanz. Anschaulich präsentierte er wissenschaftliche Ergebnisse, die belegen, dass diese Stressregulation weiter vererbt wird. So wiesen emotional vernachlässigte Ratten in Tests deutlich weniger Cortisolrezeptoren (CR) auf. "Und je mehr CR, desto besser die Stressbremse", so Dr. med. Schickedanz. Nachweisbar sei eine epigenetische Überschreibung des dafür verantwortlichen Gens durch Traumen und deren Folgen von einer Generation zur nächsten Generation. Aber diese Belastungen seien auch korrigierbar: liebevolle Beziehungen, soziale und emotionale Sicherheit, körperliche Aktivität, Wissen um die Gesundheit und eine ausgewogene Ernährung sind wertvolle Helfer.  

Dipl. Psych. Kathlen Priebe, von der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapeutischen Medizin der Humboldt-Universität zu Berlin und vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim, brachte neueste Entwicklungen der

Psychotherapie bei komplexen Posttraumatischen Belastungsstörungen mit. "Die Psychotherapie ist hier die Methode der Wahl und hilfreicher als eine medikamentöse Therapie", so Priebe und berichtete über das effektive Behandlungskonzept der Dialektisch Behavioralen Therapie für Posttraumatische Belastungsstörungen (DBT-PTSD). Eine Form der Therapie, die sich auf das Trauma fokussiert und nach einer ersten Stabilisierungsphase die Auseinandersetzung mit den Erinnerungen in den Vordergrund stellt. Lange wurde befürchtet, dass traumafokussierende Therapien die Patienten noch weiter destabilisieren würden. Das führte nach Priebe in Deutschland zum Konzept einer vorgeschalteten häufig langandauernden Stabilisierungsphase. Die Datenlage spricht jedoch dafür, dass dieses Vorgehen bei den meisten Betroffenen keine Besserung der Posttraumatischen Belastungsstörung bewirkt. Die DBT-PTSD kombiniert Methoden der DBT mit traumaspezifischen Methoden und beinhaltet eine Vielzahl an Therapiemodulen, die je nach den individuell vorliegenden Bedingungen, ausgewählt werden. Ein zentrales und wesentliches Element ist dabei die Auseinandersetzung mit den Erinnerungen unter Einsatz von Fertigkeiten, die helfen, aufkommende Gefühle zu regulieren. 

Im Rahmen einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Studie, konnten die Sicherheit, Akzeptanz und Wirksamkeit des Programms im stationären Bereich nachgewiesen werden. Aktuell wird das Behandlungsprogramm auch im ambulanten Bereich angeboten und wissenschaftlich begleitet. "Das Projekt bietet Betroffenen die Möglichkeit, ohne die sonst üblichen langen Wartezeiten, eine ambulante Psychotherapie bei eigens dafür ausgebildeten Trauma-Therapeutinnen und -Therapeuten zu bekommen", erklärt Diplom-Psychologin Kathlen Priebe, die die Therapiestudie koordiniert. Die Studie an der Berliner Hochschulambulanz ist Teil des deutschlandweiten RELEASE-Projektes. Neben der Humboldt-Universität bieten das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim und die Goethe-Universität Frankfurt Behandlungsplätze an. In diesem Studienprojekt wird die DBT-PTSD in Vergleich gesetzt zur Cognitive Processing Therapy (CPT), die sich hauptsächlich mit den Gedanken und Gefühlen auseinandersetzt, die in Folge der Trauma-Erfahrungen entstanden sind.

Die erfolgreiche Behandlung bei Posttraumatischen Belastungsstörungen im ambulanten Bereich stand ebenfalls im Mittelpunkt des Vortrags von Dr. med. Claudia Wilhelm-Gößling, Chefärztin der Klinik für Suchtmedizin und Psychotherapie am Klinikum Region Hannover Wunstorf. Sie zeigte erfolgreiche Behandlungsmöglichkeiten der Dissoziativen Identitätsstörung in der psychiatrisch-psychotherapeutischen Tagesklinik.  
 

In einem weiteren Fachvortrag ging es um die Revision der Klassifikationssysteme (DSM-5 und ICD-11) und die Auswirkungen auf die Diagnosestellung von Traumafolgestörungen. Dipl. Psych. Nadine Stammel vom Behandlungszentrum für Folteropfer an der Freien Universität Berlin präsentierte den aktuellen Sachstand mit seiner Divergenz zwischen Forschung und klinischen Bedarf. 

Pressefotos

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