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18. September 2019

I. Symposium Transkulturelle Psychiatrie & Psychotherapie im Klinikum Wahrendorff

Veröffentlicht am Montag, 24.11.2014
Zuletzt geändert am Donnerstag, 09.05.2019

Fremdsein – Anderssein – Dabeisein: Deutschland wird älter, weniger und bunter

Forderten die Förderung von Chancen und Ressourcen, die in der kulturellen Vielfalt liegen. Die Referenten und Einladenden des I. Symposiums für Transkulturelle Psychiatrie & Psychotherapie am Klinikum Wahrendorff (v.l.n.r.): Prof. Dr. Haci-Halil Uslucan, Andreas Trupp (Oberarzt im Zentrum), Dr. Wolfgang Becker (Chefarzt Allgemeinpsychiatrie), Dr. Ali Kemal Gün, Prof. Dr. Dipl. Psych. Cinur Ghaderi, Dr. Ulrike von Lersner und PD Dr. Iris Graef-Calliess.

 

Sehnde-Köthenwald, 24. November 2014

Mit einem Bevölkerungsanteil von knapp 20 Prozent bilden Migranten in Deutschland keine Minderheit mehr. Das sind mehr als 16 Millionen Menschen. Aktuell stellen die steigenden Flüchtlings- und Asylsuchendenzahlen eine zusätzliche Herausforderung für die Gesellschaft und das Gesundheitssystem dar. 2014 sind bis einschließlich Oktober insgesamt 158.080 Asylanträge beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eingegangen. Ein Anstieg um 56,6 % zum Vorjahr. In Hannover hat 30 % der Bevölkerung Migrationshintergrund, bei den unter 18-jährigen liegt der Anteil sogar bei 50 Prozent. Die Themen Zuwanderung, Integration, das gemeinsame Leben in einer kulturellen und religiösen vielfältigen Gesellschaft sowie die seelische Gesundheit standen somit auch im Mittelpunkt des I. Symposiums zur Transkulturellen Psychiatrie und Psychotherapie im Klinikum Wahrendorff. Über 200 Gäste aus dem gesamten Bundesgebiet waren dazu am Buß- und Bettag nach Sehnde gekommen. 

„Studien zeigen uns, dass Menschen mit Migrationshintergrund das Gesundheitssystem deutlich weniger in Anspruch nehmen. Das hängt zusammen mit der mangelnden Ansprache, dem Versichertenstatus und den Sprachproblemen“, begrüßte Alptekin Kircii, Leiter des Verbindungsbüro zur Landesbeauftragten für Migration und Teilhabe in der Niedersächsischen Staatskanzlei, die Teilnehmer. „Das Klinikum Wahrendorff nimmt mit seinen Angeboten eine Vorreiterrolle ein. Denn Sie kommen mit Ihren Angeboten zu den Menschen“, so Kircii zu Privatdozentin Dr. med. Iris Graef-Calliess, Leitende Ärztin des Zentrums für Transkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Wahrendorff. Beispielhaft stehen dafür die Tagesklinik Linden in Hannover und die Psychiatrische Institutsambulanz am selben Standort. Direkte Ansprache der Menschen und Beratung vor Ort sind ebenso wichtig wie verzahnte Behandlungsketten (ambulant, teilstationär und stationär). „Wir erwarten in Niedersachsen eine Flüchtlingswelle von weiteren 20.000 Flüchtlingen, viele davon traumatisch belastet“, so Kircii.

Religion, Kultur und Sprache waren verbindende Themen der hochqualifizierten Fachvorträge. Den Auftakt machte Prof. Dr. Haci-Halil Uslucan, Leiter des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung an der Universität Duisburg-Essen und Mitglied des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration: „Wir benötigen eine Willkommens- und Anerkennungskultur, denn Deutschland wird weniger, älter und bunter.“ Prof. Uslucan zeigte die wirtschaftliche Bedeutung von Zuwanderung für Deutschland auf und mahnte vor wieder zunehmender Diskriminierung. Bis zum Jahr 2060 ist ohne Zuwanderung ein Rückgang der Bevölkerung von 12 bis 17 Millionen zu erwarten. Auch bei einer Zuwanderung von 100.000 Personen pro Jahr würde die Erwerbsquote somit auf 33 % zurückgehen.

Umso wichtiger sei es, so Prof. Uslucan, sich in der Gesellschaft weiter zu öffnen und das Gesundheitssystem noch stärker für die Migration zu qualifizieren. Denn Vorurteile und Stereotypen erzeugen bei den Betroffenen physische Auswirkungen wie Stress, Bluthochdruck, Depression, Ängstlichkeit, sozialen Rückzug sowie eine erhöhte Anfälligkeit für psychische Erkrankungen. Eigene fördernde Ressourcen können versiegen.

Belebend näherten sich auch die weiteren Vorträge dem spannenden Thema von „Cultural mainstreaming“: Vielfalt nicht als Problem, sondern als Ressource zu betrachten.

Prof Dr. Dipl. Psych. Cinur Ghaderi machte in ihrem Vortrag „Von der Fremden zur Büger_in: Zum subjektiven Wandel von Zugehörigkeiten in der Migration“ mit praxisnahen Beispielen die Landkarte deutlich, die viele in ihren Köpfen haben und die verändert werden muss. Dr. Ulrike von Lersner vom Institut für Psychologie der Humboldt-Universität zu Berlin stellte Leitlinien für Trainings transkultureller Kompetenzen von Psychotherapeuten vor. Denn es gibt eine deutliche Fehlversorgung von Migranten in der psychologischen Betreuung. Verständigungsprobleme und ungenügendes Wissen um die anderen Kulturen schaffen Berührungsängste. Migranten müssen somit oftmals in die Klinik gehen, weil sie ambulant keine Angebote finden.

Im abschließenden Vortrag von Dr. Ali Kemal Gün, Integrationsbeauftragter der LVR-Klinik Köln und Mitglied des Arbeitskreises Migration und öffentliche Gesundheit bei der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration und in der folgenden Diskussion wurde deutlich, dass Migration ein kritisches Lebensereignis ist und Risikofaktoren für seelische Erkrankungen mit sich bringen kann. Die Referenten forderten gemeinschaftlich eine weitere interkulturelle Öffnung, den Abbau von Berührungsängsten, den Einsatz von professionell geschulten Dolmetschern und die Finanzierung dieser Dolmetscherdienste über das festgelegte Vergütungssystem sowie die ausreichende Versorgung psychisch kranker Flüchtlinge und traumatisierter Asylsuchender.

„Die Kultur hat Einfluss auf die seelische Gesundheit. Es braucht eine verständliche Kommunikationsebene, Zugang zu den verschiedenen Kulturen, Wissen um die häufigen Entwurzelungen und die traumatischen Erlebnisse in den Heimatländern, um den psychisch kranken Menschen in seiner ganzen Individualität zu begreifen – immer vorausgesetzt, der Betroffene kann die Hilfsangebote erreichen“, so PD Dr. Graef-Calliess.  

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